Broken Wings von Disqua ================================================================================ Kapitel 29: Tiefere Bande? -------------------------- “Wie bitte?” Haniel war sichtlich überrascht und wirklich zugehört schien sie Bager in den letzten paar Sekunden auch nicht zu haben. Die plötzliche Nähe überforderte sie deutlich und die Tatsache, dass sie immer näher kam, machte dieses Gefühl nicht gerade besser. Bager musste über diese Reaktion leise lachen, strich ihr dabei sanft und vorsichtig über die Wange und wiederholte ihre Frage. “Ich wollte wissen, ob ich dich küssen dürfte.”  Haniel versuchte, sich zu beruhigen. Ihr Herz klopfte und es gab keinen Grund dazu, oder? Bager war eine Sünde, sie lebte nur aus, was sie musste und doch war ihr dieser Gedanke gerade komplett fremd. Sie hatte gefragt, nicht einfach getan. “Jetzt?”, wollte Haniel leise wissen und das leise Lachen wurde zu einem beinahe sanften Lächeln. “Natürlich jetzt, immerhin sind wir jetzt zusammen in einem Raum und haben ein klein wenig Ruhe. Ich will nicht wissen, wie es in ein paar Stunden aussehen könnte. Bei uns hat sich einiges verändert, irgendwann fällt dies auf und auch bei euch ändert sich gerade etwas. Du spürst es doch.” Haniel schloss für einen Moment die Augen. Ja, es veränderte sich sehr vieles, auch wenn sie selbst noch nicht danach greifen konnte. Durch Luzifers reine Anwesenheit würde sich hier vieles ändern und vielleicht war dies gut so.  “Ja”, kam es nach einer Weile von Haniel und als sie die Augen wieder öffnete, spürte sie die weichen Lippen Bagers auf ihren eigenen ruhen. Vorsichtig und beinahe zaghaft, als hätte die Dämonin Angst, sie einmal mehr zu überfordern.  Sehr lange dauerte ihr Kuss auch nicht an. Grundsätzlich war er lediglich ein Hauch einer Berührung und doch glaubte sich Haniel in einer komplett anderen Welt wiederzufinden. “Du kannst es dir nicht erklären, oder? Obwohl du der Erzengel der Liebe bist, ist es dir gerade vollkommen fremd und neu. Fühlt es sich wenigstens gut an?” Bager hatte sich keinen Millimeter von Haniel wegbewegt, im Gegenteil. Ihr Körper lag nun vollkommen auf dem des Erzengels und ihre Gesichter trennten nur ein paar Zentimeter.  “Für mich selbst ist diese Fähigkeit nicht vorgesehen. Ich könnte sie gegen den Willen Gottes einsetzen, so wie ich es bei anderen Engeln getan habe, allerdings nur um meine eigene Neugierde zu befriedigen und nicht um ihnen einen Weg zu weisen. Keiner von uns, setzt seine Fähigkeiten für sich selbst ein”, beantwortete sie Bagers Frage und sie ahnte bereits, was diese sagen wollte. “Zumindest wussten wir es bisher nicht. Uriel, hat gegen Gottes Auflagen verstossen, Michael ebenfalls und durch euren Angriff auch Raphael”, fügte sie seufzend an.  “Hilfst du mir herauszufinden, wieso sie es getan haben?”, wollte Bager nach ein paar Momenten der Stille wissen.  “Damit ihr schnellst möglich wieder verschwinden könnt?”  “Nein, wobei, ich bin mir sicher, der ein oder andere von uns hat dies im Sinne. Ich möchte hingegen eine klare Linie. Luzifer ist aktuell für uns alle ein wandelndes Fragezeichen. Wir kamen mit einem klaren Befehl hier her und im Moment weiss keiner so genau, was er tun soll. Ich will ihm helfen und ich bin mir sicher, dass es mit eurer Hilfe, eurer Zusammenarbeit einfacher ginge.” Haniel nickte verstehend. Bager war nun einmal ein Geschöpf der Unterwelt, natürlich würde sie Luzifer helfen, aber andererseits, halfen sie damit nicht auch ihnen? Die Ordnung im Himmel war offensichtlich nicht korrekt und durch die Antworten konnten sie diese vielleicht wiederherstellen. “Ich wüsste nur nicht, wie ich dir helfen könnte ... “, stellte Haniel dann fast ein wenig resigniert fest. “Ich schon.” Bager liess Haniel dieses Mal keine Wahl, erneut verschloss sie ihre Lippen miteinander. Nach und nach erhöhte sie den Druck ein klein wenig und zu ihrer Überraschung wurde er nach einer Weile erwidert. “Und wie soll dir das helfen?”, flüsterte Haniel leise gegen Bagers Lippen.  “Du solltest deine Fähigkeit beizeiten für dich nutzen. Gott ist nicht da, ich verrate es ihm nicht, aber ich helfe dir ein wenig. Ich mag dich und fühle mich bei dir sicher, ein Gefühl, was ich schon lange nicht mehr kenne”, beantwortete sie ihr die Frage ebenfalls flüsternd. “Du willst nicht, dass ich mich einmische, sondern einfach da bin, wenn du dir unsicher bist?” “Richtig”, bestätigte sie die Worte umgehend und hauchte ihr noch einen leichten Kuss auf die Lippen. “Ich wollte bei jedem Kuss nachfragen, aber ich befürchte, dann wäre dies gerade unser Hauptgespräch.” Bager konnte sich einmal mehr ein leises Lachen nicht verkneifen. Ihr Vorsatz hielt wirklich nicht sonderlich lange an, aber solange Haniel nicht protestierte, war in ihren Augen alles in Ordnung. “Erzählst du mir wenigstens, was ihr herausfindet?” Kurz war Bager überrascht. Haniel schien sich wirklich nicht zu stören und offensichtlich hatte sie ihr Interesse geweckt. Allerdings in einer ganz anderen Sache. “Sofern dies auf Gegenseitigkeit beruht, natürlich.” “Ich will meinen Teil so gut es geht beitragen”, bestätigte Haniel ihr nickend. “Hm, ein zu verlockendes Angebot.” Noch ehe Haniel nachfragen konnte, was Bager damit meinte, hatten sich ihre Lippen zu einem weiteren Kuss vereint. Zumindest bis ein lauter Knall sie auseinanderfahren liess.   “Wie lange dauern solche Momente bei dir normalerweise?”, hakte Raziel nach einer für ihn gefühlten Ewigkeit nach. Tsorn sass einfach nur da und zwischenzeitlich hatte er das Gefühl, er wäre eingeschlafen, was die Atmung allerdings widerlegte. “Wir haben eine Ewigkeit Zeit, da wirst du dich doch ein klein wenig in Geduld üben können? Wenn ich darüber nachdenke, ich könnte ein Engel gewesen sein, eine beinahe unvorstellbare Vorstellung. Soweit ich mich zurück erinnern kann, bin ich in der Hölle, habe Drecksaufgaben für den Teufel gemacht, ehe Luzifer mich zu einem seiner Generäle machte. Wir stellen keine Fragen woher wir kommen, wir existieren einfach und jetzt kommst du mit einer Theorie um die Ecke.” Raziel konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. “Du bist selten sprachlos, kann das sein?” Tsorns Schnauben war ihm an sich Antwort genug.  “Ich bin offensichtlich nicht sprachlos”, stellte dieser dann fest und ein leichtes Grinsen schlich sich auf seine Lippen. “Sollte Zeit bei uns eine Rolle spielen wie in der Welt der Menschen, wären sicherlich ein paar Einheiten ins Land gezogen. Du warst sprachlos und es war und ist mir eine Ehre, dich in diesen Zustand befördert zu haben”, konterte Raziel mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen. Woraufhin lediglich ein weiteres Schnauben folgte. “Ich würde mir gerne den Raziel zurückwünschen, der sich beinahe eingepinkelt hat, als er mich das erste Mal sah. Der war wenigstens still.” Tsorns Grinsen zeigte deutlich, dass er diesen Spruch nur bedingt ernst meinte und langsam öffnete er seine Augen wieder. Raziel hatte sich keinen Zentimeter wegbewegt, die Angst schien wirklich nicht mehr vorhanden zu sein und irgendwie freute ihn diese Tatsache. “Nehmen wir an, ich wäre einer von euch, irgendwann einmal gewesen, hätte ich dann einen anderen Namen? Ein anderes Aussehen?” Raziel schüttelte den Kopf und zuckte zeitgleich mit den Schultern, eine Gestik, die Tsorn in keinster Weise deuten konnte. “Ich habe keine Ahnung, wie ich dir bereits sagte, über Abtrünnige führen wir kein Buch. Ich mag Gottes Geheimnis sein, viele Dinge wissen, die sonst keiner weiss, aber über diese Seite des Himmels, nein, da muss ich dich leider enttäuschen.”  Tsorn war die Überraschung anzusehen. Er ging tatsächlich davon aus, dass Raziel über alles Bescheid wusste, aber da lag er wohl komplett daneben. “Der Himmel ist mir ein grösseres Rätsel, als die Menschheit und die Hölle zusammen”, stellte er beinahe ein wenig resigniert fest. “Oh, über die Menschheit kann ich dir alles erzählen. Ich darf zwar nicht, aber ich könnte.” “Ich verzichte, eure hätten mich mehr interessiert, gerade aufgrund deiner kleinen Theorie und ich bin mir ziemlich sicher, dass Michael uns nicht freiwillig helfen wird.” Nun war es an Raziel zu nicken und für einen Moment wirkte er ziemlich nachdenklich.  “Du wolltest mir etwas erzählen”, stellte er nach einer Weile fest. “Richtig.” Allerdings machte Tsorn nicht unbedingt den Eindruck, dass er jetzt damit rausrücken wollte, eher im Gegenteil. “Und wie bringe ich dich dazu, es auch zu tun?”, hakte Raziel beinahe ein wenig ungeduldig nach. “Ich will deine Hilfe, nach deinen Theorien umso mehr. Ich versuche gerade das Feuer der lodernden Wut in mir zu bändigen, nicht dem Gefühl nachzugeben, einfach aufzustehen und Michael grün und blau zu prügeln. Ein harter innerer Kampf.” “Von dem rein äusserlich nichts zu sehen ist”, kam die überraschte Antwort Raziels. “Ich meditiere, glaubt man mir zwar nicht und es ist vermutlich auch untypisch, dass ich meine Sünde unter Kontrolle halten will, aber mir ist bewusst, dass ich somit schon einigem Ärger aus dem Weg gegangen bin. Ich will Antworten Raziel, lieber jetzt als später und doch habe ich keine Wahl, als gewissen Dingen ihren Lauf zu lassen.” Raziel war anzusehen, dass er nicht ganz hinterher kam. “Du könntest bei Metatron gelernt haben, auch er spricht manchmal in Rätseln.” Tsorn lachte leise auf bei diesem Vergleich. Er hatte Metatron gemocht bei ihrem Treffen, demnach war es für ihn vollkommen ok. “Luzifer und Raphael. Sich einzumischen hat keinen Zweck, auf alles andere können wir Einfluss üben, aber nicht auf ihre gemeinsame Geschichte und die Erinnerungen. Dazu kommt Michael und das eigentliche Problem. Ein Problem, was vermutlich nicht einmal Gott als ein solches bemerkt hat oder es einfach nicht wollte.” Raziel rutschte ein wenig auf der Pritsche hin und her, die Neugierde war eindeutig geweckt und er wollte endlich wissen, wieso Tsorn ihn überhaupt aufgesucht hatte. “Ihr Engel könnt nicht lügen, richtig?” Ein Nicken Raziels folgte. “Selbst wenn ihr es versucht, umschreibt ihr die Wahrheit dennoch. Michael lügt und manipuliert, was er gar nicht können dürfte, ausser …” “Ausser er glaubt seine Lügen selbst”, unterbrach ihn Raziel und hatte Tsorns Aufmerksamkeit auf sich. “Ihr habt euch ebenfalls darüber unterhalten”, stellte Tsorn mit einem zufriedenen Lächeln fest. “Hm, uns kam es ebenfalls ein wenig komisch vor und Chamuel kam mit dieser Theorie. Sie scheint mir plausibel.” “Sollte er keinen Schlupfweg kennen, damit er Gottes Regeln umgehen kann, ist es die einzige Erklärung, die es gibt. Für Michael ergibt alles, was er tut, einen Sinn. Das Universum dreht sich um ihn und sobald es dies nicht mehr tut, setzt er alle Hebel in Bewegung, um diesen Umstand zu korrigieren.” “Nein, da widerspreche ich dir. Es ist nicht das Universum, was sich um ihn zu drehen hat, sondern die Aufmerksamkeit von Raphael und Luzifer”, korrigierte ihn Raziel, welcher bei seinen Worten tief seufzte.  “Wieso hat Gott diesen Umstand nicht gesehen?”, fragte Raziel eher sich selbst als Tsorn und spürte augenblicklich eine Hand auf seinem Oberschenkel. “Etwas, das wir herausfinden müssen und ich bin mir ziemlich sicher, dass du mir dabei helfen wirst. Gehe ich da richtig in der Annahme?” Raziel nickte und gerade als er etwas sagen konnte, durchbrach die Stille ein lauter Knall.   Luzifer war nach dem Gespräch mit Metatron so verwirrt, dass er tatsächlich eine Auszeit benötigte. Er hatte Raphael versprochen, ihm ein wenig Zeit zu geben, daher konnte er unmöglich schon wieder bei diesem aufschlagen, auch wenn Metatron offensichtlich mehr zu wissen schien und genau dies von ihm verlangte. Nein, er würde sein Wort halten. Sein Weg führte ihn ausserhalb Gottes Palastes. Ihm war heute nach keiner weiteren Konversation, auch wenn ihm bewusst war, dass er die restlichen Sünden und Dämonen, ja selbst den Teufel über den Verlust informieren sollte, für heute hatte er frei. Die Toten liefen ihm nicht weg und er war sich ziemlich sicher, dass sie niemand vermissen würde. Es war noch nicht einmal irgendwem aufgefallen, dass Mekane in die Hölle gegangen war, da konnte er sich einen Tag Auszeit nun wirklich gönnen. Während er durch den Himmel flog, fiel ihm auf, dass er noch genau wusste, wo sich alles befand.  Sollte diese Erinnerung nicht ebenfalls weg sein?  Zielsicher flog er zu Raphaels Palast. Die Winde umhüllten ihn und schienen ihn dieses Mal willkommen zu heissen. “Was geht hier vor sich?”, murmelte er leise und betrat das Gemäuer seines ehemaligen Weggefährten. Die Aura hatte sich verändert. Wie war dies möglich?  “Solltest du nicht eigentlich im Unterricht bei Raziel sitzen, anstatt die Zeit bei mir zu verbringen?” Luzifer sah sich direkt um. Die Stimme gehörte zu Raphael, aber wie konnte dies sein? Träumte er nun schon bei Tag? “Genauso wie du eigentlich beim Kampftraining sein solltest, also belehr mich nicht, Raphael.” Luzifer drehte sich wieder um, allerdings konnte er niemanden entdecken. “Ich werde nur kämpfen, sollte es keinen anderen Ausweg mehr geben.” Erklang Raphaels Stimme erneut und Luzifer folgte dieser und fand sich schnell in einem grossen Zimmer wieder. Schnell erkannte er das Wohnzimmer, wie oft hatten sie hier einfach nur ihre Zeit vertrödelt und einfach nichts getan.  “Die Erinnerungen werden offensichtlich stärker an Orten, an denen wir uns verbunden waren”, stellte er für sich fest und schloss einen Moment die Augen. “Du weisst nie, wann ein Krieg ausbrechen kann” “Denkst du, der Teufel würde uns angreifen? Einen Krieg zwischen den Reichen provozieren.” “Nein, es wird nur einen Krieg geben, sollten wir jemals voneinander getrennt sein.” Luzifer zuckte augenblicklich zusammen. War er damals wirklich bereit einen Krieg anzuzetteln?  Augenblicklich schoss ihm Metatrons Frage wieder in den Kopf. Er konnte Raphael nicht alleine lassen. Vermutlich hatte er eine Teilantwort bereits gefunden. Es war allerdings die einfachste, auf all seine Fragen. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)